Prolog
Drei Tage Schweigen
Am dritten Tag kochte ich einen Tee, von dem ich wusste, dass sie ihn nicht trinken würde.
Ich stellte die Tasse trotzdem auf den Couchtisch, neben die von gestern. Die war noch voll. Kalt, mit dieser matten Haut auf der Oberfläche, die Tee bekommt, wenn ihn niemand will. Ich nahm die alte Tasse mit in die Küche, goss sie aus und spülte sie ab. Sehr gründlich. Viel gründlicher, als eine Tasse es verdient. Wenn ich nicht weiterweiß, werde ich ordentlich. Das ist so ein Ding von mir. Andere Männer schlagen Türen, ich entkalke Wasserkocher.
Elena lag auf der Couch. Sie lag dort, seit ich am Montag von der Arbeit gekommen war, und jetzt war Mittwochabend. Sie lag nicht wie jemand, der sich ausruht. Sie lag wie jemand, den etwas festhält, das schwerer ist als er selbst. Die Beine angezogen, die Decke bis ans Kinn, der Blick auf einen Punkt an der Wand, an dem nichts war. Ich hatte nachgesehen, während sie schlief. Da war wirklich nichts. Eine weiße Wand in einer schönen Altbauwohnung in Steinfeld, ein paar Häuser von meiner Mutter entfernt. Hohe Decken, ein Garten, über uns der netteste Vermieter der Welt. Wir hatten alles richtig gemacht. Dachte ich.
„Ich hab dir Tee gemacht", sagte ich. „Fenchel-Anis. Der, der nach Weihnachten schmeckt, obwohl Mai ist."
Nichts. Nicht mal ein Mundwinkel.
Frieda, ihre kleine Hündin, lag zusammengerollt in ihrer Kniekehle und hob nur den Kopf, als ich ins Zimmer kam. Sonst startete sie durch, sobald mein Schlüssel im Schloss war, schlitternd über das Parkett, als hinge ihr Leben davon ab, wer zuerst an der Tür ist. Seit Montag rührte sie sich nicht von Elenas Beinen weg. Hunde wissen es immer zuerst. Sie können dir nur nicht sagen, was.
Ich tat in diesen drei Tagen alles, was man tun kann, ohne das Eine zu tun. Ich kochte ihre Lieblingsnudeln und aß sie am Ende allein im Stehen. Ich machte die Wohnung sauber, dann machte ich sie noch mal sauber. Ich legte ihr das Ladekabel hin, eine Decke mehr, ein Glas Wasser. Ich war ein Fünf-Sterne-Hotel für einen Gast, der nicht eingecheckt hatte und nicht abreiste.
Einmal fragte ich: „Soll ich einen Arzt anrufen?"
Ein Kopfschütteln, kaum sichtbar.
„Ist was auf der Arbeit passiert?"
Nichts. Aber ein Nichts, das kurz die Luft anhielt.
„Hab ich irgendwas —"
Den Satz habe ich nicht zu Ende gefragt. Ich habe ihn drei Tage lang nicht zu Ende gefragt. Ich sage heute gern, ich wollte ihr Zeit geben, ihr Raum lassen, all diese Wörter, die nach Reife klingen. Die Wahrheit ist: Ein Teil von mir wusste, dass es Fragen gibt, die Türen öffnen, hinter denen kein Zimmer mehr ist. Also brachte ich Tee. Tee ist die Frage des Feiglings.
Am Mittwochabend saß ich im Sessel schräg gegenüber und tat so, als würde ich etwas auf dem Handy lesen. Ich las nichts. Ich scrollte nur, damit meine Hände beschäftigt waren, und zählte nebenbei ihre Atemzüge, wie man als Kind Sekunden zwischen Blitz und Donner zählt. Um zu wissen, wie weit das Gewitter noch weg ist.
Draußen fuhr der Nachbar seinen Rasenmäher durch den Feierabend. Irgendwo klapperte Geschirr. Die Welt machte einfach weiter, dieses Talent hat sie.
Dann bewegte sich die Decke.
Elena setzte sich auf. Langsam, mit beiden Händen, wie jemand, der sehr lange auf dem Boden eines Schwimmbeckens gesessen hat und jetzt auftaucht, weil die Luft nicht mehr reicht. Frieda rutschte von ihrer Kniekehle und beschwerte sich nicht. Die Decke fiel ihr von der Schulter, und sie ließ sie liegen.
Sie sah mich an. Zum ersten Mal seit Montag sah sie mich wirklich an, und ich wünschte fast, sie hätte es nicht getan. In ihrem Blick war etwas, das ich bis dahin nicht kannte und seitdem nie wieder vergessen habe: Mut und Entsetzen gleichzeitig. Der Blick eines Menschen, der von einer Klippe springt und dich im Fallen festhalten will.
„Jonas", sagte sie. Ihre Stimme war rau von drei Tagen Schweigen. „Ich muss dir etwas sagen."
In meinem Hals saß plötzlich ein Kloß. Ich wusste damals nicht, dass dieses Gefühl Jahre später bei mir einziehen würde — dauerhaft, mit Möbeln. Und meine erste, meine allererste Reaktion war: aufstehen. Nicht zu ihr. Weg. Irgendwohin, wo dieser Satz mich nicht erreichen konnte, in die Küche, zum Wasserkocher, ins Auto, nach Island. Ich blieb sitzen. Es ist eine der wenigen Stellen in dieser Geschichte, an denen ich geblieben bin.
Was sie dann sagte, hat mein Leben in ein Davor und ein Danach geteilt. Ich werde es erzählen. Jedes Wort, das ich erzählen kann, versprochen — aber nicht jetzt.
Denn dieses Buch handelt nicht davon, was Elena an jenem Abend gesagt hat. Es handelt davon, warum ich der Mann im Sessel war. Der Mann, der drei Tage lang Tee kocht statt einer Frage. Der Mann, der bei jedem „Wir müssen reden" innerlich schon die Schuhe anzieht. Der Mann, der per Nachricht Schluss gemacht hat und am Telefon, der gegangen ist, wenn er bleiben wollte, und geblieben ist, wenn längst alles gesagt war — acht Beziehungen lang, mit einer Zuverlässigkeit, die fast schon wieder beeindruckend ist.
Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, dass all diese Abschiede einen gemeinsamen Anfang haben. Er liegt nicht auf dieser Couch. Er liegt viel weiter zurück, in einem Klassenzimmer in Braunschweig, in einem Kinderkopf, in dem es nie leise war.
Um zu verstehen, wie wir auf dieses Sofa kamen — und warum ich der Mann wurde, der immer geht, wenn er bleiben will —, muss ich von vorn anfangen. Bei einem Jungen, der seinen Lehrer fragte, ob die Klasse nicht lieber ein Eis essen geht.
Kapitel 1
Der Junge, der beim Vater bleiben wollte
Meine erste klare Erinnerung riecht nach Pappkarton.
Ich war vier, fast fünf, und unser Wohnzimmer in Braunschweig verwandelte sich in eine Landschaft aus Kisten. Auf manchen stand „Küche", auf manchen „Bad", auf einer stand „Bücher + Diverses" — lesen konnte ich das natürlich noch nicht, meine Mutter las mir die Aufschriften vor, wenn ich mit dem Finger darauf zeigte. Ich hielt „Diverses" trotzdem sofort für das traurigste Wort der Welt. Die Schrankwand war halb leer. Wo vorher die Gläser mit dem Goldrand gestanden hatten, die niemand benutzen durfte, war jetzt nur noch ein heller Fleck im Holz. Möbel hinterlassen Umrisse, wenn sie gehen. Menschen auch.
Meine Mutter wickelte Teller in Zeitungspapier. Sie machte das sehr schnell und sehr leise, und wenn ich heute die Augen schließe, höre ich genau dieses Geräusch: Papier, das sich um etwas Zerbrechliches legt. Mein Vater trug Kisten zum Auto. Er war deutlich älter als sie, ein großer, ruhiger Mann, der nicht viele Worte machte und an diesem Tag noch weniger. Die beiden sprachen miteinander wie Kollegen bei einer Inventur. Hier anfassen, da absetzen, passt das noch rein. Kein Streit. Ich habe meine Eltern überhaupt selten streiten hören, und lange dachte ich, das sei ein gutes Zeichen gewesen.
Heute weiß ich: Es gibt eine Stille, die lauter ist als jeder Streit. Man muss nur alt genug sein, um sie zu hören.
Ein paar Tage vorher hatten sie uns an den Küchentisch gesetzt, meine Schwester und mich. Sie ist drei Jahre älter, war damals also fast acht und damit in meinen Augen praktisch erwachsen. Es gab Kakao. Das fiel mir als Erstes auf, denn Kakao gab es bei uns sonst nur sonntags, und es war Dienstag. Wenn es unter der Woche Kakao gibt, stimmt etwas nicht. Das ist bis heute eine der zuverlässigsten Lebensregeln, die ich kenne.
„Papa und ich", sagte meine Mutter, und dann kam dieser Satz, den Millionen Kinder kennen und den trotzdem jedes einzelne zum ersten Mal hört: „Wir haben uns nicht mehr lieb. So wie Mann und Frau sich liebhaben."
„Aber dich haben wir lieb", sagte mein Vater. „Daran ändert sich nie etwas."
Ich nickte und trank meinen Kakao und verstand: nichts. Ich verstand, dass niemand gestorben war und dass ich trotzdem nicht lachen sollte. Ich verstand, dass meine Schwester auf eine Art still wurde, die mir Angst machte, weil sie sonst nie still war, jedenfalls nicht freiwillig. Und ich verstand, dass das Wort „ausziehen" plötzlich nichts mehr mit Jacken zu tun hatte.
Dann kam der Teil, der mich zerlegte, und zwar nicht an diesem Tag, sondern in Zeitlupe über die nächsten Wochen: Meine Schwester würde beim Vater leben. Ich bei der Mutter. Man hat uns das damals sicher kindgerecht erklärt, mit guten Gründen, mit Sätzen, die mit „weißt du" anfingen. Angekommen ist bei mir nur das Ergebnis. Aus einer Familie wurden zwei Hälften, und die Geschwister wurden gleich mitgeteilt. Wie ein Kartenspiel: du kriegst die, ich krieg den.
Am Umzugstag stand ich im Flur, zwischen den letzten Kisten, und mein Vater hatte schon die Jacke an. Meine Schwester saß im Auto, ich konnte ihren Hinterkopf durch die Scheibe sehen, und neben ihr auf dem Rücksitz ihren Rucksack mit dem Pferdeaufdruck, und in mir machte etwas einen Knoten, den ich nicht benennen konnte.
„Ich will auch zu Papa", sagte ich.
Es ist der erste Satz meines Lebens, an den ich mich wörtlich erinnere. Ich weiß noch, wie er sich anfühlte: riesig und völlig logisch. Da fuhr ein Auto los, und in dem Auto saß meine Schwester, und Autos, in denen Geschwister sitzen, da gehört man rein. So einfach war meine Rechnung. Wenn ich ehrlich bin, kam noch dazu, dass Papa den größeren Fernseher mitnahm. Ich habe meine Familienzugehörigkeit mit vier Jahren zu einem nicht geringen Teil über Unterhaltungselektronik definiert. Man möge es mir nachsehen, ich war vier. Manche Männer machen das mit vierzig noch.
Meine Mutter ging vor mir in die Hocke. Ich sehe ihr Gesicht von damals deutlicher als manche Gesichter von letzter Woche. Sie hat nicht geweint, jedenfalls nicht vor mir, sie hat etwas viel Schwierigeres gemacht: gelächelt, während ihr Kind ihr sagt, dass es lieber woanders wäre.
„Du bleibst bei mir, Schatz", sagte sie. „Wir zwei, das wird gut. Versprochen."
Ich fand das Versprechen damals dünn. Ich hätte gern verhandelt, aber mit vier verhandelt man schlecht, einem fehlen die Vokabeln und die Verhandlungsmasse. Also stand ich am Fenster und sah dem Auto nach, bis es hinter der Kurve verschwand, und winkte noch, als längst niemand mehr gucken konnte. Das Winken, wenn keiner mehr guckt — wenn dieses Buch ein Wappen hätte, das wäre ein Kandidat.
Danach wurde es seltsam normal. Kindheit ist gnädig, sie wächst um fast alles herum wie Baumrinde um einen Zaun. Ich sah meinen Vater und meine Schwester an Wochenenden, alle zwei Wochen, manchmal öfter, manchmal seltener. Ich hatte zwei Kinderzimmer, von denen eins immer das falsche war, je nachdem, wo ich gerade aufwachte. Ich hatte zwei Geburtstage, einmal mit Mama, einmal mit Papa, und wer jetzt denkt, doppelte Geburtstage seien der Jackpot, dem sage ich: Ja. Genau das dachte ich auch. Ich habe diesen Vorteil vor anderen Kindern ausgespielt wie ein Aktienpaket. Zwei Kuchen, Leute. Es gab Jungs in meiner Straße, die hätten dafür ihre Eltern getrennt.
Das ist der Humor, mit dem Scheidungskinder ihre Buchhaltung machen. Auf der Habenseite: zwei Kuchen. Auf der anderen Seite: dass ich bis heute, wenn irgendwo jemand Teller in Zeitungspapier wickelt, kurz das Gefühl habe, gleich fährt ein Auto weg.
An den Wochenenden bei meinem Vater war es schön und gleichzeitig anstrengend auf eine Art, die ich erst Jahrzehnte später einordnen konnte. Ich erzähle euch einen dieser Samstage, stellvertretend für alle.
Mein Vater holte mich morgens um neun ab, und neun hieß bei ihm neun. Pünktlichkeit war seine Form von Zärtlichkeit, das habe ich erst als Erwachsener übersetzt bekommen. Im Auto liefen Nachrichten, dann Schlager, und wir wechselten auf vierzig Minuten vielleicht vier Sätze. Das war keine Kälte, das war seine Frequenz. Ich saß hinten, zählte rote Autos und spürte, wie ich mich Kilometer für Kilometer auf einen anderen Sender einstellte.
In der Wohnung roch es nach kaltem Kaffee und einem Waschmittel, das nicht unseres war. Meine Schwester hatte neue Poster, neue Freundinnen und neue Wörter — sie sagte jetzt „ätzend", und ich sammelte solche Wörter ein wie Sticker, um sie montags in meiner Klasse auszuspielen. Mittags gab es Nudeln mit Tomatensoße aus dem Glas, das einzige Gericht meines Vaters, und es schmeckte mir jedes Mal wie ein Festessen. Vielleicht, weil er beim Umrühren pfiff. Zu Hause, in unserem alten Leben, hatte ich ihn nie pfeifen gehört. Nachmittags lief der große Fernseher, der einmal unser großer Fernseher gewesen war, und es war herrlich, und es half nichts.
Und dann der Moment, an dem ich heute dieses ganze Kapitel aufhänge: Ich hatte Durst und wusste nicht, in welchem Schrank die Gläser standen. Ich stand in der Küche meines eigenen Vaters und traute mich nicht, einfach Türen zu öffnen, weil man das als Gast nicht macht. Also fragte ich: „Wo habt ihr denn die Gläser?" Habt ihr. Mein Vater hat es nicht bemerkt. Ich an dem Tag auch nicht. Aber es hat gewartet.
Ich war ein Gast im Leben meiner eigenen Familie, und Gäste fühlen sich verantwortlich dafür, dass es nett ist. Ich erzählte meiner Mutter nach jedem Wochenende, es sei „voll gut" gewesen, und meistens stimmte das sogar. Aber in mir lief schon damals dieses Grundrauschen, diese leise Unruhe, für die ich noch keinen Namen hatte und für die mir erst dreißig Jahre später jemand einen geben würde, der mich wirklich erreichte.
Hier endet die Gratis-Leseprobe.
Wie aus dem Jungen im Flur ein Mann wird, der acht Mal geht, wenn er bleiben will —
und was ihn nach dreißig Jahren endlich erreicht — steht im Buch.